« Zurück zur Übersicht

Rückblick auf eine spannende Reise in die „Start-Up-Nation“ Israel

Europa ist in den letzten Jahren im Innovations- und Start-Up-Bereich aus dem Tiefschlaf erwacht, das zeigt eine neue Studie von Ernest and Young: So sind allein im Jahr 2015 die Risikokapitalinvestitionen in Europa um fast 40% gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Doch obwohl Investitionen steigen, sind wir noch weit von einem europäischen Silicon Valley oder Silicon Wadi entfernt.

Doch woran liegt das? An innovativen Ideen und Unternehmergeist mangelt es in Europa kaum, wenn man sich die hohen Neugründungszahlen ansieht. Daher liegt es nahe, dass nicht das Gründen das Hauptproblem ist, sondern das dauerhafte Überleben und Wachsen. Genau das haben erfolgreiche Länder wie die USA oder Israel früh erkannt und begonnen, in ein langfristig unternehmensfreundliches Umfeld zu investieren.

Natürlich ist es klar, dass die Erfolgskonzepte Silicon Valley und Silicon Wadi in ihrer Entstehung und Struktur einzigartig sind und sich nicht so einfach nach Europa kopieren lassen. Doch als Politikerin bin ich davon überzeugt, dass solchen Erfolgen bestimmte Voraussetzungen und Rahmenbedingungen zugrunde liegen, die sehr wohl kopierbar sind. Um genau diese Bedingungen besser zu verstehen, habe ich im Dezember 2016 eine Reise in eine der bedeutendsten Startup-Nationen der Welt unternommen – nach Israel.

Dort habe ich drei Tage lang die Gründerszene in Tel Aviv und Jerusalem aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet und mich sowohl mit politischen Vertretern, Inkubatoren und Acceleratoren, Vertretern von Universitäten und Forschungs- und Technologiezentren, sowie mit Start-Up Gründern selbst getroffen. Dabei habe ich sicher kein Geheimrezept für Europas Unternehmerzukunft gefunden, allerdings denke ich, wir können einiges von Israel lernen:

  1. Das Buzzword „Start-Up Ökosystem“

Wie gleich zu Beginn meiner Reise offensichtlich wurde, liegt der Erfolg Israels nicht ausschließlich an seiner Innovationskraft oder den vorhandenen Investitionsmöglichkeiten, sondern vor allem auch an einem funktionierenden und gut ausgebautem Start-Up Ökosystem. Doch was genau bedeutet das? In Israel bezeichnet das Buzzword „Ökosystem“ vor allem eine hohe Vernetzung innerhalb der Gründerszene, sowie flexible und schnell umsetzbare politische Maßnahmen. Dazu gehören vor allem eine funktionierende technische Infrastruktur, adäquate Wirtschaftsförderung und Beratung, ein unternehmensfreundliches Klima, sowie innovative und einfach zugängliche Finanzierungsmöglichkeiten – nur so können Start-Ups in hoher Zahl erfolgreich sein.

  1. Investieren ohne zu steuern

Doch eines ist klar: Ein solch erfolgreiches Ökosystem entsteht nicht über Nacht. In Israels Fall hat die Regierung bereits in den 80er Jahren begonnen, weitreichende Investitionen im Unternehmensbereich zu tätigen. Dafür können nun nach mehr als 25 Jahren die Früchte geerntet werden. Wer also glaubt, das israelische Erfolgsmodell einfach kopieren und innerhalb kürzester Zeit umsetzen zu können, hat weit gefehlt. Dennoch müssen wir in Europa so bald wie möglich anfangen, einen Grundstein zu legen, wenn wir im weltweiten Wettbewerb nicht noch weiter zurückfallen wollen.

Hierbei spielt auch die Art und Weise wie vom Staat gefördert und investiert wird eine große Rolle: In Israel wurde durch eine eigens geschaffene, dezentralisierten Stelle für Innovationsförderung, dem Office of the Chief Scientist (OCS), sichergestellt, dass Maßnahmen flexibel, schnell und marktnahe umgesetzt werden können. Das OCS wurde erst vor kurzem in eine eigene Agentur, die Israel Innovation Agency, umgewandelt, die einen breiten Bottom-Up Ansatz verfolgt, der sicherstellt, dass es zu keiner politischen Steuerung kommt, sondern risikoreiche Projekte in vielfältigen Sektoren, nicht nur im High-Tech Bereich, gefördert werden. „Ermöglichen, nicht vorschreiben“ lautet die Devise der israelischen Innovationspolitik und dabei so wenig Eingriff in den Markt wie möglich.

  1. Scheitern und Lernen

Neben dieser Politik wird in Israel auch ein Klima des Scheiterns und Versagens aktiv gefördert. Nur die wenigsten Gründer sind bei ihrem ersten Versuch erfolgreich, und doch hat das Scheitern in vielen europäischen Ländern, allen voran Österreich, noch einen stark negativen Beigeschmack. Nicht so in Israel: Hier ist scheitern de facto nicht existent, man spricht von einem Lernprozess, der unausweichlich ist. Dieser Akzeptanz ist ein langwieriger Wandel der Unternehmens- und auch Gesellschaftskultur vorangegangen, der auch von der Politik aktiv mitunterstützt wurde. Doch nicht nur die Unternehmenskultur, auch das lebenslange Lernen wird in Israel groß geschrieben. In kaum einem anderen Land sind private und öffentliche Bildungs- und Forschungseinrichtungen so gut mit Mentoren, Accelators und Unternehmen vernetzt wie in Israel.

Dass das Gründen nicht ist das Hauptproblem ist, sondern das Wachsen, hat auch die Kommission in ihrer „Scale-up-Initiative“ im November 2016 berücksichtigt. Viele neugegründete Firmen überstehen die ersten Jahre nicht und geben entweder auf, oder verlegen ihre Tätigkeiten in andere, unternehmensfreundlichere Regionen – dies muss sich ändern. Besonders unterstützenswert finde ich die Initiative des Europäischen Innovationsrats, der sicherstellen soll das bahnbrechende Innovationsprojekte auch nachhaltig auf dem Markt überleben. Denn ich bin davon überzeugt, dass nur Bottom-up Investitionen der Politik in großem Ausmaß, ohne in den Markt lenkend einzugreifen, zu einem ähnlich erfolgreichen Ergebnis wie in Israel führen können. Und ein solches benötigen wir dringend in Europa.